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Mansplaining
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Mansplaining bzw. HerrklĂ€rungcite-ref-1[1] bezeichnet ErklĂ€rungen eines Mannes, der davon ausgeht, er wĂŒsste mehr ĂŒber den GesprĂ€chsgegenstand als die â meist weibliche â Person, mit der er spricht. Der Begriff wurde als pejorativ bzw. als Kampfbegriff beschrieben.cite-ref-5-2-0[2] Er benennt der Geschlechterforschung zufolge die Machtasymmetrien in der Kommunikation zwischen MĂ€nnern und Frauen. Die Wortneuschöpfung entstand bei der Reflexion kommunikativer MachtausĂŒbung durch MĂ€nner. Inhaltliche Grundlage fĂŒr die Wortneuschöpfung war ein Essay der US-amerikanischen Publizistin Rebecca Solnit von 2008. Der Artikel diente als InitialzĂŒndung fĂŒr das Aufkommen des Begriffs und seine Verbreitung im Internet.
Contents
âą Definitionen
âą Entstehung
âą Schweden
âą Auszeichnungen
âą Literatur
âą Siehe auch
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Definitionen
âą Das vor allem in den USA hĂ€ufig verwendete Wörterbuch Merriam-Websterâs Collegiate Dictionary umschreibt den Begriff so: âItâs what occurs when a man talks condescendingly to someone (especially a woman) about something he has incomplete knowledge of, with the mistaken assumption that he knows more about it than the person heâs talking to does.â (deutsch: âEs ist das, was passiert, wenn ein Mann herablassend mit jemandem (insbesondere einer Frau) ĂŒber etwas spricht, von dem er nur unzureichend Kenntnis hat, in der irrigen Annahme, dass er mehr darĂŒber weiĂ als sein GegenĂŒber.â)cite-ref-webster-3-0[3]
âą Lily Rothman von der Zeitschrift The Atlantic definierte Mansplaining 2013 als âErklĂ€ren ohne BerĂŒcksichtigung der Tatsache, dass der ErklĂ€rende (hĂ€ufig ein Mann) weniger weiĂ als sein GegenĂŒber (hĂ€ufig eine Frau)âcite-ref-4[4].
âą Das australische Macquarie Dictionary stuft Mansplaining als umgangssprachliche, scherzhafte, nur auf einen Mann anwendbare Formulierung ein und umschreibt den Begriff mit: âeiner Frau etwas auf eine Weise erklĂ€ren, die herablassend ist, weil sie unterstellt, dass die Frau nichts ĂŒber das Thema wisse.âcite-ref-definition-macquarie-5-0[5]
âą Mansplaining wird im Oxford English Dictionary definiert als âjemandem etwas auf eine als herablassend oder bevormundend empfundene Weise erklĂ€ren, typischerweise ein Mann gegenĂŒber einer Frauâcite-ref-6[6].
Etymologie und abgeleitete Wortschöpfungen
Der Neologismus Mansplaining ist ein Portmanteauwort aus man (englisch: âMannâ) und splaining (englisches Jargon-Wort fĂŒr explaining: âerklĂ€renâ)cite-ref-4-7-0[7]. Im Englischen finden sich Belege fĂŒr das Verb to mansplain, das Gerund mansplaining und das Adjektiv mansplainy.cite-ref-webster-3-1[3] Schon seit etwa 1800 wird splain in nicht hochsprachlichen englischen Texten fĂŒr explain verwendet.cite-ref-4-7-1[7]cite-ref-webster-3-2[3]
Mansplaining hat im englischsprachigen Bereich auch Wortschöpfungen wie whitesplaining nach sich gezogen.cite-ref-8[8] Davon hat jedoch nur Manspreading eine Ă€hnliche Beliebtheit wie Mansplaining erreicht: âDie mĂ€nnliche Ausbreitung ist vor allem im öffentlichen Verkehr zu beobachten, in dem MĂ€nner ihre Beine so weit spreizen, dass sie viel mehr Platz einnehmen[,] als einer Person eigentlich zusteht.âcite-ref-zeit-2016-05-25-9-0[9] âGermansplainingâ ist eine Bezeichnung fĂŒr eine im Ausland als ĂŒberheblich wahrgenommene deutsche Politik, etwa in der EUcite-ref-10[10]cite-ref-11[11] oder in Osteuropa.cite-ref-12[12]
Entstehung
Die Schriftstellerin Rebecca Solnit erzĂ€hlte auf der Website tomdispatch.com in einem Essay mit dem Titel Men Explain Things to Me; Facts Didnât Get in Their Waycite-ref-solnit2008-13-0[13]cite-ref-14[14] im April 2008 eine Anekdote, die sie 2003 erlebt hatte. Auf einer Party sagte ihr der Gastgeber, ein Ă€lterer, wohlhabender Mann, er habe gehört, dass sie einige BĂŒcher geschrieben habe. Sie begann, ĂŒber ihr kurz vorher veröffentlichtes Buch ĂŒber Eadweard Muybridge zu sprechen. Daraufhin unterbrach ihr GegenĂŒber sie mit der Frage, ob sie von dem kĂŒrzlichen Erscheinen eines ausgesprochen wichtigen Muybridge-Buchs gehört habe, und erging sich, ohne eine Antwort abzuwarten, in Auslassungen ĂŒber das Buch, das er â so stellte sich spĂ€ter heraus â nur aus Rezensionen kannte. Der wiederholte Einwurf von Solnits ebenfalls anwesender Freundin, es handle sich dabei um Solnits Buch, fand erst beim dritten oder vierten Mal Gehör, verschlug dem Herrn jedoch nur einen Moment lang die Sprache.cite-ref-solnit2008-13-1[13]cite-ref-15[15]
Solnits Essay von 2008 griff weiter aus: Es gebe weit gravierendere Folgen einer Haltung, die Frauen die GlaubwĂŒrdigkeit abspricht, als die in der Anekdote geschilderten. So habe etwa in muslimischen LĂ€ndern des Nahen Ostens die Aussage von Frauen vor Gericht kein Gewicht, weshalb diese einen mĂ€nnlichen Zeugen finden mĂŒssten, um z. B. ihren Vergewaltiger vor Gericht bringen zu können.cite-ref-solnit2008-13-2[13]cite-ref-16[16] Und auch in den USA sei es trotz aller Fortschritte immer noch ein wichtiges feministisches Ziel, âFrauen sowohl GlaubwĂŒrdigkeit als auch Gehör zu verschaffenâ und zu erreichen, dass âVergewaltigungen, auch in Beziehungen und in der Ehe, sowie hĂ€usliche Gewalt und sexuelle BelĂ€stigung am Arbeitsplatz als Straftaten behandelt werdenâ.cite-ref-solnit18-17-0[17]cite-ref-solnit2008-13-3[13] SchlieĂlich sei in ihrem Heimatland, den USA, eine der hĂ€ufigsten Todesursachen von Schwangeren die Ermordung durch ihren Ehemann oder Ex-Ehemann.cite-ref-solnit18-17-1[17]
2014 veröffentlichte Solnit dann den Text Men Explain Things to Me in einer gleichnamigen Sammlung von insgesamt sieben Essays, die sich unter anderem mit den Themen Gewalt gegen Frauen, Gleichheit der Geschlechter sowie Virginia Woolf und Susan Sontag beschĂ€ftigen. In dem titelgebenden Essay findet sich ihr Text von 2008. Solnit beschrieb hier zusĂ€tzlich Reaktionen auf den Text und prĂ€zisierte ihre eigene Position, auch in Bezug auf den Begriff Mansplaining. Hier stellte sie klar, dass sie mit der Kreation des Begriffs nichts zu tun habe, auch wenn ihr Essay wohl eine InitialzĂŒndung dafĂŒr war, weil er den Zeitgeist sehr gut wiedergebe.cite-ref-18[18] Sie selbst habe Vorbehalte gegen das Wort und verwende es kaum, weil es ihrer Meinung nach nahelege, dass es sich um ein generelles âmĂ€nnliches Fehlverhaltenâ handle, wo doch in Wirklichkeit nur manche MĂ€nner so handelten.cite-ref-19[19] Solnit ist durchaus âder Ansicht, dass auch Frauen anderen manchmal auf herablassende Weise Dinge erklĂ€ren, nicht zuletzt MĂ€nnernâ.cite-ref-solnit25-20-0[20] Doch sage dies ânichts ĂŒber das MachtgefĂ€lle, das noch unheilvollere Formen annehmen kann, oder ĂŒber das Muster, nach dem das GeschlechterverhĂ€ltnis in unserer Gesellschaft im Allgemeinen funktioniertâ.cite-ref-solnit25-20-1[20] Hieraus lĂ€sst sich ableiten, dass die Autorin das von ihr geschilderte Verhalten fĂŒr die Spitze eines Eisbergs hĂ€lt:
âDas geschilderte GesprĂ€chsverhalten ist eine Methode, im höflichen Diskurs Macht auszuĂŒben â die gleiche Macht, mit der auch im unhöflichen Diskurs und durch Akte körperlicher EinschĂŒchterung und Gewalt Frauen zum Schweigen gebracht, ausgelöscht, vernichtet werden â als Gleichwertige, als Partizipierende, als Menschen mit Rechten und viel zu oft schlicht als Lebende.â
â
Rebecca Solnit
PrÀgung und Verbreitung des Begriffs
USA und Australien
Solnit verwendete das Wort Mansplaining in ihrem Essay vom April 2008 nicht.cite-ref-solnit2008-13-4[13] Es wurde erst kurz nach dem Erscheinen des Essays geprÀgt und fÀlschlicherweise gelegentlich Solnit zugeschrieben.cite-ref-solnit26-23-0[23] Erstmals wurde Mansplaining am 21. Mai 2008 in einem Blogbeitrag benutzt.cite-ref-24[24]
Es entstand die Website Academic Men Explain Things to Me (deutsch: Wenn Akademiker mir die Welt erklĂ€rencite-ref-25[25]). Dort tauschten sich Hunderte von Akademikerinnen ĂŒber Situationen aus, âin denen sie herablassend behandelt oder kleingemacht worden waren, man schlecht ĂŒber sie geredet hatte und anderesâ.cite-ref-solnit26-23-1[23] Gegen Ende der 2000er Jahre verbreitete und erweiterte sich der Begriff Mansplaining rasch innerhalb der feministischen Bloggerinnenszene.cite-ref-doyle-26-0[26] In einem Blogeintrag von 2010 findet sich die Umschreibung, Mansplaining sei, âwenn ein Mann dir, einer Frau, erklĂ€rt, wie du etwas tun sollst, das du bereits tun kannst, oder wo du im Irrtum bist ĂŒber etwas, bei dem du in Wirklichkeit recht hast, oder wenn er dir falsche, angebliche Fakten zu einem Thema erklĂ€rt, ĂŒber das du viel mehr weiĂt als erâ.cite-ref-27[27]
In den US-amerikanischen und australischen Medien wurde Mansplaining ab 2012 immer wieder benutzt, um mĂ€nnliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, aber auch fiktionale Figuren zu beschreiben. Darunter waren Mitt Romney, der republikanische PrĂ€sidentschaftskandidat von 2012,cite-ref-28[28] der Gouverneur von Texas Rick Perry,cite-ref-29[29] der MSNBC-Moderator Lawrence OâDonnell,cite-ref-30[30] mehrere Figuren der HBO-Serie The Newsroom,cite-ref-31[31]cite-ref-32[32] der Musikproduzent Jimmy Iovine,cite-ref-33[33] der australische Premierminister Malcolm Turnbull,cite-ref-34[34] der Schauspieler Matt Damoncite-ref-35[35] und der Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader.cite-ref-36[36]
Solnit sieht am Ursprung von Mansplaining âdas durch und durch provokative Selbstvertrauen der vollkommen Unwissendenâ, das nach ihrer Erfahrung geschlechtsspezifisch sei.cite-ref-37[37] Sie stellt jedoch klar, dass nur manche MĂ€nner diese dĂŒnkelhafte Haltung zeigen, die deren âdurch nichts gestĂŒtztes ĂŒberzogenes Selbstvertrauenâ stĂ€rke und Frauen in âSelbstzweifel und SelbstbeschrĂ€nkungâ fĂŒhre.cite-ref-38[38]
Deutscher Sprachraum
Deutschsprachige Medien wandten den Begriff anfangs nicht auf Personen an, sondern rezipierten ihn im Zusammenhang mit den Auszeichnungen, die das Wort erhielt, vor allem mit der Wahl zum Wort des Jahres 2014 in Australien. Die Ăbersetzung herrklĂ€ren wurde von der deutschsprachigen Presse gelegentlich zur BegriffsklĂ€rung benutzt,cite-ref-richter-trummer-39-0[39]cite-ref-praschl-40-0[40]cite-ref-wernli-41-0[41]cite-ref-weber-42-0[42] ist aber in der Anwendung nicht gebrĂ€uchlich. In Solnits Essaysammlung ist der Begriff mit mĂ€nnerklĂ€ren ĂŒbersetzt.cite-ref-solnit26-23-2[23]
Julia BĂ€hr machte in der FAZ den alltĂ€glichen Sexismus von Mansplainern an deren genereller Annahme fest, âdie ihnen gegenĂŒberstehende Frau wĂŒsste weniger als sieâ.cite-ref-b-hr-43-0[43] Sie wies darauf hin, dass diese Ăberheblichkeit hĂ€ufig auch schon im Ungleichgewicht der Anrede stecke: Ein âjunge Frauâ sei bei Mansplainern hĂ€ufig, eine Antwort mit âalter Mannâ treffe jedoch in der Regel auf humorloses UnverstĂ€ndnis.cite-ref-b-hr-43-1[43] Kathrin Hollmer urteilte im Magazin Jetzt der SĂŒddeutschen Zeitung, das eigentliche Problem des Mansplaining sei das Schweigen, das es nach sich ziehe â von Frauen und MĂ€nnern.cite-ref-44[44]
Mittlerweile gibt es im Internet eine Reihe deutschsprachiger Seiten, die Tipps dazu geben, wie mit mansplainenden MĂ€nnern umgegangen werden soll. Dabei wird empfohlen, Mansplaining nicht einfach schweigend zu akzeptieren, sondern paternalistisches Verhalten klar zu benennen. AuĂerdem sei das aktive Einfordern von Redezeit wichtig, um im anschlieĂenden Redebeitrag das eigene Wissen prĂ€sentieren zu können. Gezielt gestellte Nachfragen seien zudem dazu geeignet, zu enthĂŒllen, dass mansplainende MĂ€nner hĂ€ufig selbst kein tiefergehendes Wissen ĂŒber das gerade erklĂ€rte Themengebiet besitzen. Im Zweifelsfall sei es auch möglich, das GesprĂ€ch einfach zu beenden. MĂ€nnern wird wiederum empfohlen, sich bewusst Zeit zu nehmen, bevor man einen Sachverhalt erklĂ€rt, um sich zu fragen, ob man zuvor wirklich um Rat gefragt wurde bzw. ĂŒberhaupt das nötige Wissen fĂŒr eine adĂ€quate ErklĂ€rung hat. Mansplaining könne vermieden werden, wenn man sich als Mann ggf. vorhandene Vorurteile gegenĂŒber Frauen bewusst mache und anerkenne, dass Wissen nicht nach Geschlecht verteilt ist.cite-ref-45[45]cite-ref-46[46]cite-ref-47[47]
GebrĂ€uchlicher ist im Deutschen jedoch der Begriff âMĂ€nnlicher Chauvinismusâ.
Schweden
2015 nahm der schwedische Sprachenrat den Begriff in die Liste der neuen Wörter auf.cite-ref-meissl-48-0[48] Der Sprachenrat ist eine Abteilung des Staatlichen Instituts fĂŒr Sprache und Folklore (Institutet för sprĂ„k och folkminnen) und die Hauptorganisation fĂŒr Sprachpflege in Schweden.cite-ref-49[49]
Einordnung des Begriffs in den Gender Studies
Mansplaining wird als eine Wortschöpfung angesehen, um auf traditionelle und moderne Geschlechterblindheit in der Kommunikation aufmerksam zu machen und hierarchische GeschlechterverhÀltnisse offenzulegen. Das Wort dient als eine Art linguistische Waffecite-ref-3-50-0[50] bzw. Kampfbegriff gegen eine behauptete Geschlechterblindheit und der daraus resultierende Verschleierung asymmetrischer Machtbalancen im Geschlechterwissen. Verschiedene Forschende sehen in der Benennung bestimmter Verhaltensweisen als Mansplaining die Möglichkeit, Alltagssexismus und symbolische Gewalt sichtbar zu machen.cite-ref-51[51]cite-ref-52[52]cite-ref-53[53]
Offenlegung hierarchischer Geschlechterordnungen
In heutigen Gesellschaften herrscht laut Sabine Hark und Paula-Irene Villa ein alltagsweltliches Geschlechterwissen vor, das als doxisch, d. h. als wirklich, wahr und unhinterfragbar gelte und deshalb tabuisiert werde. Es weise dabei eine groĂe Bandbreite und Vermischung von Ăberzeugungen auf â das reiche von der Ăberzeugung einer âgegebenen, unverĂ€nderlichen und naturhaften Essenz der Geschlechterdifferenzâ bis hin zum Mythos einer lĂ€ngst verwirklichten GeschlechterneutralitĂ€t mit objektiv gegebener Geschlechtergleichheit.cite-ref-anti-54-0[54] Gemeinsam sei diesen Ăberzeugungen, dass das eigene unbewusste Geschlechterwissen geschĂŒtzt und nicht nĂ€her hinterfragt werden soll. Dieser naive lebensweltliche Alltagsglauben werde jedoch durch vielfĂ€ltige Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft zunehmend erschĂŒttert. Dazu wĂŒrden auch die zunehmende Offenlegung der geschlechtlichen Hierarchisierung von Kommunikationcite-ref-55[55] einschlieĂlich Sprache (Genderlinguistik) gehören.cite-ref-anti-54-1[54]
Ein Beispiel fĂŒr die Offenlegung der geschlechtlichen Hierarchisierung von Kommunikation und deren Abwehr sehen die Geschlechterforscherinnen Kathrin Ganz und Anna-Katharina MeĂmer in der Wortbildung Mansplaining und der Kritik daran. Das Wort habe sich in âfeministisch-aktivistischen Kreisenâ entwickelt und werde dort verwendet, um âverschiedene Formen paternalisierender Artikulationsweisen von MĂ€nnern gegenĂŒber Frauen zu benennen, wie beispielsweise herablassende (und unaufgeforderte) Belehrungen oder die Abwertung weiblicher Expertise.âcite-ref-56[56]
Formen und Mechanismen von Mansplaining
Ganz und MeĂmer zufolge kennt Mansplaining viele Formen: âEs lĂ€sst sich beobachten, wenn mĂ€nnliche Laien weiblichen Expert_innen ihr Fachgebiet erklĂ€ren, [und] wenn Politiker im Rahmen eines politischen Aushandlungsprozesses die zustĂ€ndige Bundesministerin als âweinerlichâ bezeichnenâ.cite-ref-lol-57-0[57] Ganz und die Feministinnen Leah Bretz und Nadine Lantzsch ergĂ€nzen, der Begriff lasse sich auch beobachten, âwenn dominanzgesellschaftliche Diskurse, Normen und Institutionen kritisiert werden und ein_e Kommentator_in daraufhin das dringende BedĂŒrfnis verspĂŒrt, von oben herab erklĂ€ren zu mĂŒssen, wie der Sachverhalt normalerweise verstanden werde und warum es sich dabei um eine ganz harmlose, unproblematische Sache handele.âcite-ref-2-58-0[58]
All diesen AusprĂ€gungen liegt laut Ganz und MeĂmer stets die androzentrische Vorstellung zugrunde, der Mann sei von Natur aus vernunftbegabt, objektiv, allwissend und verkörpere ganz im Gegensatz zum weiblichen Geschlecht das allgemein-menschliche. Im Gegensatz zu explizit antifeministischer Argumentation handele es sich bei Mansplaining und der Abwehr des Begriffes meist um ein implizites Handeln und Argumentieren, um das eigene alltagsweltliche Geschlechterwissen nicht reflektieren oder offenlegen zu mĂŒssen.cite-ref-lol-57-1[57]
Werde ein konkreter Fall von paternalisierender bzw. sexistischer Hierarchisierung offengelegt, so werde dieser vielfach ĂŒber den Mechanismus âNicht alle MĂ€nner sind soâ (engl. âNot all menâ) relativiert. Dieser kommunikative Mechanismus wĂŒrde die Offenlegung der hierarchischen Geschlechterordnung verhindern, indem sexistische Erfahrungen und RealitĂ€ten sowie mĂ€nnliche Privilegien relativiert wĂŒrden. Diese Individualisierung des Arguments fĂŒhrt laut Ganz und MeĂmer dazu, dass von den eigentlichen strukturellen Problemen abgelenkt und das kritisierte Verhalten als Ausnahme deklariert wird. Dies lege die Grundlage, auf der Victim blaming und antifeministische Argumentationen aufbauen können.cite-ref-59[59]
Verinnerlichtes Geschlechterwissen
In der Forschung wird anerkannt, dass MĂ€nner beim Mansplaining nur selten provokative Absichten verfolgen. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass der Grund fĂŒr Verhaltensweisen wie Mansplaining in der Sozialisation von MĂ€nnern bzw. der Entwicklung spezifischer Geschlechterrollen und Geschlechtshabitus liegt.cite-ref-60[60] Dennoch âstabilisiert das Mansplaining die Hierarchisierung des Wissens der Geschlechterâcite-ref-lol-57-2[57] und fĂŒhrt laut Ganz, Bretz und Lantzsch mitunter âzu einer Scheindiskussion ĂŒber die angebliche Gleichheit Aller, die MachtverhĂ€ltnisse vollkommen ausblendet und diejenigen zum Schweigen bringt, die jene MachtverhĂ€ltnisse mitdenken.âcite-ref-2-58-1[58] Die Philosophin Nicole Dular geht davon aus, dass Mansplaining eine Form von epistemischer Ungerechtigkeit darstellt.cite-ref-61[61]
Dennoch sehen Ganz und MeĂmer Mansplaining noch als harmloseste Form der anti-genderistischen Artikulationsformen an. Antifeministische Argumentationen, Trolling und Hate-Speech seien in ihrer Wirkung schwerwiegender.cite-ref-lol-57-3[57]
Bewertungen und Kritik
In den USA wurde die vermeintlich herablassende Konnotation von Mansplaining kritisiert. Zudem wurde argumentiert, dass das angeprangerte Verhalten nicht zwangsweise mit dem Geschlecht des Sprechers verknĂŒpft sei.cite-ref-62[62] Als das Wort sich mehr und mehr verbreitete, beklagten einige Kommentatoren, unangemessene Verwendung und inflationĂ€rer Gebrauch hĂ€tten die ursprĂŒngliche Bedeutung des Begriffs in manchen FĂ€llen verwĂ€ssert.cite-ref-63[63] Der Begriff wird ferner wegen seiner Stereotypisierung des mĂ€nnlichen Geschlechts als sexistisch kritisiert.cite-ref-64[64]
Der Facharzt Tom McLaughlin und der Rechtswissenschaftler Joshua Sealy-Harrington Ă€uĂerten sich 2014 in The Globe and Mail kritisch ĂŒber die Verwendung des Begriffs Mansplaining. Dieser werde ihnen zufolge manchmal genutzt, um das GegenĂŒber zum Schweigen zu bringen und durch ein ad-hominem-Argument eine sinnvolle Debatte zu verhindern. Falsche Argumente, die jemand vorbringt, mĂŒssten aber inhaltlich widerlegt werden. Durch das bloĂe Labeln des GegenĂŒbers mit AusdrĂŒcken wie Mansplaining werde das GegenĂŒber stereotypiert, was ironischerweise dem Anliegen entgegensteht, Stereotype zu ĂŒberwinden. Des Weiteren schwinge bei dem Begriff die Botschaft mit, ganze soziale Gruppen dĂŒrften aus dem Diskurs etwa um Sexismus ausgeschlossen werden, wodurch Probleme dieser Art aber nicht gelöst werden könnten.cite-ref-65[65]
Auch Frankie Gaffney kritisierte in The Irish Times 2017 die Stereotypisierung, die mit der Verwendung des Begriffes einhergehe, und ordnete ihn in den Trend der zunehmenden IdentitÀtspolitik ein. IdentitÀtspolitik beschreibt Gaffney als ineffektiven Aktivismus, der die Menschen spalte, aber sonst nichts bewirke.cite-ref-5-2-1[2]
In der Washington Post schrieb Cathy Young 2016, dass Mansplaining nur eine von vielen Wortneuschöpfungen sei, die âMannâ als abwertende Vorsilbe verwenden, und sieht diese als Teil eines âaktuellen Zyklus der Misandrieâ. Insbesondere soziale Medien wĂŒrden den Trend verstĂ€rken, mĂ€nnliches Verhalten auf bösartigste Art und Weise zu interpretieren. Das Niedermachen von MĂ€nnern sei zum konstanten Hintergrundrauschen in den Online-Medien geworden.cite-ref-66[66]
Solnit Ă€uĂerte inzwischen, sie habe den Eindruck, Mansplaining werde âein bisschen inflationĂ€r angewandtâ.cite-ref-zeit-2016-05-25-9-1[9] Sie stellte klar:
âIch dachte, ich hĂ€tte ĂŒber MĂ€nner und Gewalt geschrieben. Vielleicht nicht ĂŒber die GrĂŒnde. Aber dass sie gewalttĂ€tig sind. FĂŒr Frauen von einer Frau. Wir mĂŒssen darĂŒber nachdenken, wie MĂ€nner vom System beschĂ€digt werden. Nicht so wie die MĂ€nnerrechtler das tun, die den Frauen die Schuld geben und zurĂŒck zur Zeit vor 1970 wollen. Wir brauchen eine Debatte darĂŒber, wie wir alle frei sein können.â
â
Rebecca Solnit
:
Im GesprÀch mit Elisabeth Raether
Stephen Marche schrieb in der Los Angeles Times 2017 dass mĂ€nnliches Schweigen in den 1970ern noch als Versagen gesehen worden sei und MĂ€nner von der feministischen Bewegung dazu ermutigt worden seien, ihre Empfindungen stĂ€rker auszudrĂŒcken. ZurĂŒckhaltende Sprache habe ĂŒber Jahrhunderte als ein Marker fĂŒr mĂ€nnliche Macht gegolten, was man unter anderem an Theodore Roosevelts Definition der US-AuĂenpolitik als âSprich sanft und trage einen groĂen KnĂŒppelâ sehen könne. Frauenemanzipation brauche MĂ€nneremanzipation und umgekehrt, und das bedeute, dass auch MĂ€nner einen Teil der ErklĂ€rungsarbeit leisten mĂŒssen. Die Lösung könne nicht sein, MĂ€nner wieder dazu zu animieren, weniger zu sprechen.cite-ref-68[68]
Auszeichnungen
Mansplaining fand Eingang in eine Reihe von WörterbĂŒchern. 2013 gab Dictionary.com bekannt, dass es mansplain und das Suffix -splain in sein Wörterbuch aufnehmen werde.cite-ref-69[69] 2014 wurde das Wort Teil der Internet-Version der Oxford Dictionariescite-ref-70[70], im Januar 2018 Teil der gedruckten Ausgabe.cite-ref-theguard-201830-71-0[71] In der BegrĂŒndung hieĂ es, der Begriff Mansplaining hĂ€tte inzwischen in der Sprache FuĂ gefasst, obwohl er noch nicht ganz zehn Jahre alt sei.cite-ref-theguard-201830-71-1[71]
2010 stand Mansplaining auf der Wörter-des-Jahres-Liste der New York Timescite-ref-doyle-26-1[26] und war 2012 von der American Dialect Society fĂŒr die Auszeichnung als Kreativstes Wort des Jahres nominiert. Es konnte sich aber letztlich wegen mangelnder OriginalitĂ€t nicht durchsetzen, weil es die Vorsilbe man in einer Weise verwendet, die bereits von Wortschöpfungen wie manscaping (englisch fĂŒr: Intimrasur fĂŒr den Mann) bekannt war.cite-ref-72[72] In Australien wurde Mansplaining vom Macquarie Dictionary zum Wort des Jahres 2014 gekĂŒrt.cite-ref-73[73]cite-ref-74[74] In der BegrĂŒndung der Jury hieĂ es, Mansplaining sei ein âdringend erforderliches, klug geprĂ€gtes Kunstwort, das auf eingĂ€ngige Weise die Idee der herablassenden ErklĂ€rweise einfinge, die manche MĂ€nner nur allzu hĂ€ufig Frauen gegenĂŒber an den Tag legenâ.cite-ref-75[75]
In Deutschland wurde das Wort auf die Auswahlliste fĂŒr den Anglizismus des Jahres 2015 gesetzt.cite-ref-76[76]
Literatur
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Siehe auch
Weblinks
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Einzelnachweise
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